Von Natur umgeben

von Matthias

Bettina Reichl ist nicht nur Modedesignerin. Sie beschäftigt sich auch mit Verpackungslösungen verschiedenster Art. Im Verpackungszentrum Graz ist sie für Forschung & Entwicklung sowie Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Seit zwanzig Jahren forscht das Team um das VPZ Graz nach innovativen, biogenen Verpackungsalternativen. Wir führten mit ihr ein Gespräch über fernöstliche Naturverpackungen, über den Bio-Trend und über die Zukunft des Plastiksackerls.

Reisen nach Asien, speziell nach Vietnam, waren immer eine Inspiration für Sie. Vor allem, was die dortigen Verpackungslösungen betrifft. Wie haben die Vietnamesen das gemacht?

Bettina Reichl: In Vietnam hat man lange den eigenen, traditionellen Konservierungsmethoden vertraut. Naturverpackungen nämlich. Ihre Lebensmittel haben die Vietnamesen einfach in verschiedenste Blätter eingewickelt. Fleisch zum Beispiel konnten sie dann zwei bis drei Wochen lang haltbar machen. Und das alles bei Temperaturen um die 40 Grad, ohne Kühlsysteme! Genau darin liegt für mich etwas total Spannendes: Die besonderen Eigenschaften, die Naturstoffe haben können. Biochemiker bestätigen, dass viele Pflanzen insektenabwehrende, konservierende Stoffe abgeben. Solche Eigenschaften zu verfolgen, ist total interessant. So ist es zum Beispiel möglich, auf der Basis von Pflanzenzucker polyesterähnliche Strukturen zu erzeugen.

Im Vietnam hat man es also richtig gemacht?

Bettina Reichl: Es ist naheliegend, mit den Rohstoffen, die vor der Haustür sind, sein Leben zu organisieren. Verpackung ist ein Teil davon: dass man etwas konserviert, dass man Speisen wohin transportieren kann. Man muss sich rückbesinnen, was die ursprüngliche Aufgabe der Verpackung ist. Natürlich ist Verpackung sinnvoll. In den Ländern, wo ungenügend verpackt wird, wird ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen. Die erreichen den Konsumenten nicht einmal, sondern verderben am Weg. Daher macht Verpackung Sinn, sie muss aber nicht unbedingt aus Plastik sein.

Welche Alternativen haben wir?

Bettina Reichl: Das Verpackungszentrum arbeitet seit etwa 20 Jahren an biogenen Verpackungen. Nun haben wir ein marktreifes Produkt am Tisch, das seit Dezember für Ja! Natürlich von REWE und seit Juni auch bei “Zurück zum Ursprung” und “Natur aktiv” von Hofer eingesetzt wird. Das sind Netze aus Buchenholzzellulose, die aus Modalfasern von der Lenzing erzeugt werden. Man verwendet sie für Kleinpackungen von Kartoffeln, Zwiebeln, Zitrusfrüchten und mehr. Sie sind eine gute Alternative zu Kunststoffnetzen und greifen sich zudem sehr gut an. Ausgangsbasis ist ein heimischer Rohstoff, der bei der Durchforstung von Wäldern anfällt. Ein Drittel davon ist aus Österreich, zwei Drittel aus Zentraleuropa, aus zertifizierten Wäldern. Das ist ideal: Naturstoff, kompostierbar, heimischer Rohstoff, Reststoff, CO2-neutral, …

Wie leicht ist es denn, dem Handel nachhaltige Verpackungslösungen zu verkaufen? Spürt man da noch etwas von einer Plastiklobby?

Bettina Reichl: Schon. Man merkt, dass man denen auf die Zehenspitzen tritt. Wir wissen allerdings, dass schon alle nach Alternativen suchen. Es gibt noch nicht für jeden Bereich den biogenen Ersatz, das geht technisch noch nicht. Und dann entstehen dadurch natürlich Mehrkosten – in vielen Bereichen zählt eben immer noch das Preisargument. Vor allem Billigdiskonter im Lebensmittelbereich interessiert das nicht. Aber die BIO-Linie, das ist ein sehr österreichischer Weg. Dort stehen nicht die Kosten im Vordergrund – die wollen gesündere Lebensmittel und beschäftigen sich mit Themen wie Umwelt, Müllvermeidung und so weiter. Und das spricht halt auch eine Gruppe an, die zunehmend größer wird. Die Konsumenten fordern, dass BIO-Lebensmittel auch BIO verpackt sind. Die REWE hat durch das Netz nun auch einen höheren Umsatz. Und so werden die Mehrkosten auch kompensiert.

Wenn wir noch einmal kurz nach Asien zurückschauen – wie hat sich das dort mittlerweile verändert? Gibt es dort auch schon ein Verständnis für BIO-Verpackungen?

Bettina Reichl: Ich würde einmal sagen, in diesen Welten geht alles viel schneller als bei uns. Da gibt es keine langwierigen demokratischen Prozesse, da wird einfach per Gesetz beschlossen. In China zum Beispiel wurden sehr rasch Plastik- und Styroporverpackungen in Fastfood-Ketten verboten. Ein anderes Beispiel ist Thailand, die haben eine Vorreiterrolle bei biopolymeren Stoffen weltweit.

Wissen Sie auch, wie die Lage in den USA ist?

Bettina Reichl: Dort gibt es ganz viele Gruppen, die im Bereich der biopolymeren Stoffe arbeiten. Die Amerikaner gehen aber in die Richtung der nicht-kompostierbaren Stoffe aus Zuckerrohr zum Beispiel. Flaschen aus BIO-PET werden dort auf den Markt kommen. Diese sind aber nicht kompostierbar.

Und was hat das für einen Sinn?

Bettina Reichl: Die Amerikaner wollen sich unabhängig von den Erdölressourcen machen. Daher propagieren sie ganz stark naturstoffbasierte Materialien. Diese landen dann trotzdem auf den Deponien. Die Japaner hingegen haben dafür zu wenig Land.

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Man braucht eben einen globalen Umdenkprozess. Wie kann man den herbeiführen?

Bettina Reichl: Ganz viel Müll landet im Meer, da entsteht sozusagen ein “neuer” Kontinent. Das Problem hat man erkannt und es dringt ins allgemeine Bewusstsein. Die sterbenden Tiere, die den Plastikmüll mit Nahrung verwechseln. Irgendwann explodieren sie, weil sie voller Müll sind. Die Fotos der Tiere, die gehen rund um die Welt.

Und das ist dann das, was die Menschen zum Nachdenken bringt?

Bettina Reichl: Genau. Die Zeitbombe, die tickt. Man muss sich nur vorstellen, dass Plastik bis zu 400 Jahre braucht, bis es für’s Auge zerfällt. Tatsächlich wird es immer nur kleiner und kleiner, es kann ja nicht wieder aufgenommen werden. In den natürlichen Kreislauf ist das nicht rückführbar. Somit ist praktisch jeder Artikel, der in den letzten Jahrzehnten erzeugt worden ist, noch immer da, auf unserem Erdball. Jedes Jahr werden Tonnen hinausgeschossen und die sind immer noch da. Die lösen sich nicht auf. Wir brauchen einen Stoff, der sich immer wieder rezyklieren lässt. Wenn das nicht möglich ist, dann kann man sagen, dass es höchste Zeit ist, aus solchen Technologien auszusteigen.

In Berlin hat man das Konzept eines Lebensmittelgeschäfts geschaffen, in dem man völlig auf Verpackung verzichtet. Da kommt man mit Rexgläsern und Säcken hin und füllt sie an. Wie finden Sie diesen Ansatz?

Bettina Reichl: Ja, das ist der sinnvollste Ansatz, wenn man einfach wieder seine Gefäße einsetzt. Es gibt ja immerhin Leute, denen es nichts ausmacht, wenn alles ein bisschen umständlicher wird. Und das schafft wirklich jeder, einen Korb oder Stofftaschen mitzunehmen. Ich zum Beispiel hab die Tragtasche immer mit. Sie ist nicht schwer, sie ist praktisch – man müsste überhaupt keine Plastiktaschen mehr kaufen.

Finden Sie es besser, Plastiktaschen zu verbieten oder sie zu besteuern, wie in Deutschland diskutiert wird?

Bettina Reichl: Mit dem Verbieten wird es in der EU wahrscheinlich nicht so schnell gehen. Aber ich bin für das Plastiksackerlverbot. Ich finde auch nicht, dass man den Markt mit Stärketragtaschen überschwemmen muss, man müsste einfach die Menschen dazu bringen, Stofftaschen zu verwenden. Und wenn ich sie wirklich vergessen hab, dann muss ich halt eine um einen Euro nachkaufen.

85 Prozent der Verpackungskonzepte des VPZ sind auf biologischer Basis. Kann man auch auf 100 Prozent kommen oder gibt es Bereiche, in denen es unmöglich ist, auf Plastik zu verzichten?

Bettina Reichl: Ja, Vakuumverpackungen zum Beispiel. Da gibt es noch nichts Biogenes. Aber wir wissen natürlich noch nicht, was noch alles möglich ist. Jetzt wissen wir zwar schon so viel und haben so viel technisches Wissen – man muss in Zukunft mehr querdenken! Ein Beispiel: Aus Algen kann man zum Beispiel Schaumstoff erzeugen. Das liegt genau in der Alge drinnen, das gibt es in keiner anderen Pflanze: eine Säure mit gelbildenden Eigenschaften. Die elastische Matrix lässt sich mit Luft aufblasen, dann trocknet und stabilisiert man sie, das ist dann wie Styropor. Die Algen bilden richtige Wälder unter Wasser. Da wird regelrecht Forstwirtschaft betrieben. Man kann die Algen dann getrocknet und zerkleinert einkaufen und im Binnenland verarbeiten.

Wachsen die dann auch schnell wieder nach?

Bettina Reichl: Das sind extrem schnell wachsende Pflanzen. Manche wachsen sogar einen Meter innerhalb von 24 Stunden. Und sie regenerieren sich von selbst, brauchen also nicht extra angebaut werden. Unser Ausgangsgedanke ist, dass man Verpackungsmaterial nicht anbauen sollte, sondern dass es ganz viele Reststoffe gibt, die man vor der energetischen Verwendung nochmals als Werkstoff nützen kann.

Oft ist es ja der Fall, dass man glaubt, eine nachhaltige Lösung gefunden zu haben – und dann tauchen die Probleme wieder an einer anderen Stelle auf.

Bettina Reichl: Das ist so ein Mosaik, wo man verschiedene Punkte beachten muss. Es ist nicht nur wichtig, dass es ein Naturstoff ist. Die Frage ist auch, was das für einer ist. In welcher Konkurrenz steht der, was passiert am Markt, ist die Verfügbarkeit gegeben? Im Idealfall setzt man Reststoffe ein.

Wir haben es da mit einer Entwicklung zu tun, die man im Großen denken muss. Wie international ist das Verpackungszentrum?

Bettina Reichl: Wir gehen jetzt in die internationale Verwertung mit unseren Buchenholzzellulosenetzen. Es gibt von da und dort Anfragen, wo Materialien getestet werden. Auch aus Kanada gibt es konkrete Anfragen. Es kann sein, dass das der Einstieg für Nordamerika ist. Aber im Moment schauen wir einmal, wie es in Europa weitergeht. Man muss halt auch aufpassen, dass manche nicht einfach einen Profit schlagen wollen, sondern dass sie auch wirklich ganzheitlich denken. In diesem Bereich gibt es immer welche, die sich ganz schnell ein grünes Mascherl umhängen und das ist ganz furchtbar in dem Bereich. Weil wenn Skandale passieren, dann sind plötzlich wieder alle dagegen. Dann ist plötzlich das Gewohnte, der Kunststoff, wieder besser.

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Zum Abschluss – und da können wir auch gerne etwas in die Phantasie abschweifen: Was ist für Bettina Reichl die beste Verpackungslösung?

Bettina Reichl: Da möchte ich wieder mit einer Naturstoff-Verpackung aus Vietnam schließen. Ich finde noch immer, so ein Bananenblatt sieht unglaublich ästhetisch aus. Und wenn man es wegwirft, dann verrottet es. Es funktioniert und ist schön – was will man mehr?

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