Von der Tonne auf den Teller

von Esther Böhmer

Laut Caritas leiden rund 800 Millionen Menschen weltweit Hunger, davon rund 700.000 in Österreich. Die immer weiter verbreitete Armut und die steigenden Lebensmittelpreise machen Brot, Milch und Co. zu einem begehrten Gut – möchte man zumindest meinen. Denn während die einen hungern, werfen die anderen das weg, was sich viele nicht leisten können.

„Österreich hat im Euro-Raum das vierthöchste Preisniveau für Lebensmittel. Um 4,4% sind die Preise letztes Jahr gestiegen, im Euro Raum waren es im Schnitt 2,5%“, so die Österreichische Volkshilfe – und trotzdem wird eine unglaubliche Menge an Lebensmitteln weggeworfen. Doch was ist der Grund für diese paradoxe Entwicklung – der Grund, warum wir, anstatt unsere Lebensmittel wieder schätzen zu lernen, immer mehr davon in den Müll werfen? Das Problem liegt – wie so oft – in unserer westlichen, modernen Konsumgesellschaft. Die ständige Verfügbarkeit und die unglaubliche Fülle an angebotenen Lebensmitteln in unseren Supermärkten führt dazu, dass wir viel zu viel und zu oft einkaufen – und das, ohne genau nachzudenken, ob wir die Produkte überhaupt brauchen. Oftmals sind es dann genau diese unüberlegten Einkäufe, die schließlich im Müll landen.

 

© Liz West

Das Angebot in unseren Supermärkten ist so groß wie noch nie. /  © Liz West

 

Der Einfluss des Handels

Auf den anderen entscheidenden Faktor haben wir stattdessen etwas weniger Einfluss: Zirka 40% der Lebensmittel, Produkte und Speisen von Supermärkten und Restaurants wandern am Ende des Tages in den Müll. Der Grund: Überfluss. In Wien wird beispielsweise täglich so viel Brot weggeworfen, wie in Graz gegessen wird – unglaublich, aber wahr.

 

Statistik von Greenpeace

© Greenpeace

 

Abgesehen von Brot sind vor allem Früchte und Gemüse in den Tonnen zu finden. Und was diese Entwicklung noch viel trauriger erscheinen lässt: Die meisten der weggeworfenen Produkte sind zu dem Zeitpunkt, an dem sie weggeworfen wurden, noch komplett in Ordnung und wären auch ohne Bedenken noch verzehrbar. Diese Fakten empören viele – wirklich etwas dagegen unternehmen, das tun nur die wenigsten. Doch es gibt sie, die Menschen, die sich gegen die Konsumgesellschaft stellen: Foodsharing, Wastecooking und Mülltauchen sind nur einige wenige Beispiele für die vielen verschiedenen Facetten in der Rettung kostbarer Lebensmittel.

ORF Report über die Bewegung der Lebensmittelretter

 

Beispiel Foodsharing.at

foodsharing.at ist eine der größten Online-Communities für engagierte Helfer, die privat, aber auch in Kooperation mit dem Handel noch verzehrbare Lebensmittel retten, bevor sie weggeworfen werden. Das Projekt ist ziemlich strikt gegliedert – doch nicht ohne Grund, wie auf der Website erklärt wird:  „Um den Lebensmittelspendebetrieben wie auch den Foodsavern eine reibungslose Zusammenarbeit zu ermöglichen, ist es notwendig, sich gut zu organisieren. Es ist leider zu oft vorgekommen, dass Menschen nicht pünktlich oder überhaupt nicht zum verabredeten Zeitpunkt erschienen sind. Die Konsequenz war oft, dass die Lebensmittel dann doch wieder in der Tonne landeten und die Betriebe unzufrieden wurden, in einigen Fällen sogar die Kooperation gekündigt haben. Um das zu vermeiden, gibt es eine gute Organisationstruktur, die eine gewisse Zuverlässigkeit sicher stellt.“

 

Statistik von www.foodsharing.at

© www.foodsharing.at

 

Lebensmittel fair-teilen

Die Lebensmittel werden schließlich an ausgeschriebenen Stellen, den sogenannten „Fairteilern“ abgegeben. Hier kann jeder überflüssige Lebensmittel von zuhause hinbringen und sie auf diese Weise anderen zur Verfügung stellen. Die Verteiler sind zudem stets an öffentlichen Plätzen zu finden und für jedermann immer frei zugänglich.
Das Projekt ist in vielen Ländern, davon auch in Österreich, weit verbreitet – die Fairteiler gibt es in den meisten größeren Städten. Einfach den gewünschten Ort und „Fairteiler“ googlen und schon weiß man, wo der nächste der Essenskorb zu finden ist. Ein paar der Verteiler in Graz und Wien sind auf dieser interaktiven Karte verzeichnet. Eine weitere Karte von Graz ist hier zu finden. Das Beste an den Verteilern: Da sie immer an derselben Stelle stehen, erreicht man auch bedürftige Menschen, die vielleicht nur selten oder garkeinen Zugang zum Internet haben. Die Lebensmittel aus den „Fairteilern“ sind noch dazu gratis – obwohl an dieser Stelle erwähnt werden sollte, dass das primäre Anliegen nicht ein soziales ist, sondern einfach vielmehr, die Lebensmittel zu retten. Trotzdem sind Bewegungen wie Foodsaving und Foodsharing sowohl wirtschaftlich als auch ethisch gesehen äußerst lobenswert.

 

© epsos.de

Gerettete Lebensmittel aus der Tonne / © epsos.de

 

Was kann ich persönlich tun?

Man muss aber nicht gleich Foodsharer oder Mülltaucher werden – auch mit kleinen Schritten kann man das Problem für sich selbst in Angriff nehmen. Allen voran sollte darauf geachtet werden, nur soviel und das zu kaufen, was man wirklich braucht. Gute Planung vor dem Einkauf spart nicht nur Ressourcen, sondern auch jede Menge Zeit und Geld. Danach sollte sichergestellt werden, dass die Lebensmittel richtig gelagert werden, um frühzeitiges Schimmeln, Faulen oder Verderben zu vermeiden – so kann man Lebensmittelabfälle deutlich verringern. Das Ablaufdatum auf vielen Produkten ist zudem übertrieben früh angesetzt; also lieber vorher probieren, bevor man ein Produkt wegwirft. Hat man einmal eine größere Packung gekauft als nötig, kann man den Rest einfrieren, gegebenenfalls in die „Fairteiler“ bringen oder auf Plattformen wie foodsharing.at vergeben. Lebensmittel sind schließlich kostbar – und jeder einzelne kann etwas gegen die großen Mengen an unnötigen Nahrungsmittelabfällen tun.

 

Weitere Artikel über Wastecooking und Foodsharing auf INTHELOOP:

http://www.intheloop.at/feste-ohne-reste/
http://www.intheloop.at/in-der-tonne-ist-alles-gleich/

 

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