“Von der Natur abgekupfert”

von Lisa-Maria Ranacher

Hinter einem Blatt Papier steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde: Für die Produktion einer 500-Blatt-Packung Kopierpapier benötigt es rund 8 Kilogramm Holz, 130 Liter Wasser und rund 27 Kilowattstunden Energie.

Doch nicht nur die Papierherstellung bedeutet eine Herausforderung für unsere Umwelt: Nur 60 Prozent der Inhaltsstoffe eines Papierproduktes können recycelt werden, die restlichen 40 Prozent bleiben als giftiger Schlamm erhalten. Das niederösterreichische Kommunikationshaus gugler* hat mit dem sogenannten Cradle to Cradle™-Druck jedoch einen Weg gefunden, Papier herzustellen, ohne Mutter Natur an ihre Grenzen zu treiben. Im Interview berichtete uns Geschäftsführer Ernst Gugler mehr über das Thema Cradle to Cradle™ und warum Nachhaltigkeit bei ihm nicht nur als leere Floskel auf einem Blatt Papier steht:

 

Wie würden Sie einem Laien Cradle to Cradle™-Druck erklären?

Am liebsten erklären wir unseren Kunden Cradle to Cradle™-Druck mit unserem selbst produzierten Video. Als Kommunikationshaus haben wir Agentur und Druckerei unter einem Dach:

 

 

Man kann sagen, dass Cradle to Cradle™ von der Natur abgekupfert ist. Materialien sollen in Kreisläufen gehalten werden, damit kein unbrauchbarer Abfall entsteht. Symbol dafür ist der Kirschbaum: Blütenblätter und Kirschen, die herunterfallen, werden zu Humus und so zu neuer Nahrung für neue Blüten und Kirschen. Sparsam muss der Baum dabei nie sein, weil ja alles „gut“ ist. Dieses Prinzip der Wiederverwertung funktioniert auch im Druckbereich.

 

Was unterscheidet ein Cradle to Cradle™-Produkt von einem herkömmlichen Druckprodukt, zum Beispiel in Bezug auf die Inhaltsstoffe?

Alle Inhaltsstoffe von Cradle to Cradle™-Produkten wurden von uns untersucht und können bedenkenlos in den biologischen Kreislauf zurückgehen. Papier, Druckfarbe und Prozess-Chemikalien wurden für den biologischen Kreislauf optimiert – dieser Prozess hat zwei Jahre gedauert. Mit dem Ergebnis, dass das Druckprodukt jetzt zum Beispiel als Kompost, Asche oder Humus für Ihr Gemüsebeet verwendet werden kann. Landet ein Cradle to Cradle™-Produkt im klassischen Papierrecycling, können die Papierfasern genauso weiterverwertet werden wie bisher. Der große Unterschied liegt im Klärschlamm: Der macht bei einem herkömmlichen Druckprodukt 40 Prozent aus. Der Klärschlamm ist zum Beispiel mit den Chemikalien der Druckfarbe belastet und kann nicht als Dünger verwendet werden. Unsere zertifizierten Druckprodukte sind aber ohne kritische Bestandteile. Der Klärschlamm von Cradle to Cradle™-Druckprodukten kann aufs Feld gebracht werden, ist also auch „gut“. Weltweit sind wir die erste Druckerei, die Produkte auf diese Weise herstellen kann – das macht uns zu Pionieren.

 

 

Welche Produkte werden bei Ihnen bereits auf diese Weise hergestellt?

Wir können quasi alle Druckprodukte nach diesem Konzept herstellen: Klassiker wie Geschäftsdrucksorten und Kalender, Bücher und Publikationen und auch Nachhaltigkeitsberichte und Mailings. Besonders stolz sind wir auf unsere PureEdition. Diese steht für Cradle to Cradle™-Produktion, hochwertiges Design “made in Austria” und Liebe zum Detail. So werden zum Beispiel Notizbücher oder Schreibblöcke aller Art oder auch Kalender mit Firmeneindruck zu einem feinen Firmengeschenk – natürlich immer mit dem Cradle to Cradle™-Zertifikat. Das Motto dabei ist „Schenk was Gscheit‘s“.

 

Wie sieht es mit der Qualität und dem Preis eines Cradle to Cradle™-Produktes aus, im Vergleich zu herkömmlichen Druckprodukten?

Bei der Qualität machen wir keine Kompromisse! Manche Sonderfarben lassen sich mit unserer  Farbserie noch nicht abbilden. Da sind wir aber dran.
Auch bei den Veredelungen wie zum Beispiel bei der Folienkaschierung sind wir noch in der Entwicklung. Ziel ist es, dass wir irgendwann einmal alle unsere Produkte mit dem Cradle to Cradle™-Zertifikat anbieten können. Preislich haben wir noch einen kleinen Unterschied. Cradle to Cradle™-Produkte sind etwas teurer, da der Mehraufwand durch die Entwicklung und das Umrüsten der Produktionsmaschinen berücksichtigt werden müssen.

 

Wie machen Sie Ihren Kunden Cradle to Cradle™-Produkte „schmackhaft“?

Die Idee, ein Produkt für den biologischen Kreislauf zu produzieren, fasziniert. Und sie ist für alle Kunden, die sich im Bereich Nachhaltigkeit engagieren, optimal – so können sie auch bei Druckprodukten Nachhaltigkeit „leben“ und dies auch nach außen zu ihren Mitmenschen tragen.

 

 

Was gab den Anstoß für dieses ökologische Umdenken und in weiterer Folge für die Einführung der Cradle to Cradle™-Produktion in Ihrem Unternehmen?

Seit der Stunde Null vor mehr als 25 Jahren ist mir das ein Anliegen. Stück für Stück sind wir immer besser geworden. Mit Cradle to Cradle™ sind unsere Produkte nun nicht mehr „weniger schlecht“, sondern  „gut“ für den biologischen Kreislauf. Das hat uns überzeugt, diesen Weg zu gehen.

 

Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre gesteckt?

Wir möchten unser Wissen teilen. Dazu haben wir ein Lizenzmodell entwickelt. Unsere Vision ist es, dass sich ein Netzwerk von Cradle to Cradle™-Druckereien bildet. Gemeinsam können wir dann weitere Entwicklungen für den Druckbereich anstoßen. Und natürlich ist es auch ein Ziel, dass wir immer mehr Kunden für Cradle to Cradle™ begeistern und wir irgendwann nur noch nach diesem Standard produzieren.

 

Warum ist Cradle to Cradle™- in Österreich noch nicht so weit verbreitet? Wird es sich in Zukunft durchsetzen?

Es wird sich immer mehr durchsetzen. Es braucht eine Weile, bis die Idee Fuß fasst. Ein bestehendes Produkt komplett zu hinterfragen, kann sehr komplex sein und viel Zeit in Anspruch nehmen. Wir haben ja auch schon zwei Jahre für den Grundstein gebraucht und entwickeln immer noch weiter. Es ist vielleicht schneller, bei einer Produktentwicklung gleich Cradle to Cradle™-Maßstäbe ans Design zu legen. Und dann sind natürlich die Entwicklungskosten eine Hürde.

 

Wo sonst trifft man in Ihrem Unternehmen auf Nachhaltigkeit?

Eigentlich fast überall. Das Gebäude ist zum Beispiel aus Stampflehm, Glas und Holz. Die Dächer sind begrünt. Das Gebäude ist sogar mit dem Niederösterreichischen Holzbaupreis ausgezeichnet worden. Wir haben eine eigene Bio-Küche mit Gemüsegarten. Wir produzieren seit 15 Jahren mit hundert Prozent Ökostrom. Und wir sind ein Gemeinwohlunternehmen. Wir haben eine chemiefreie Plattenproduktion. Es sind viele kleine Bausteine, die uns in Summe zum Branchenvorbild gemacht haben.

 

 

Inwieweit leben Sie privat Nachhaltigkeit?

Die Berufswelt lässt sich von der privaten nicht trennen. Also eine Wertewelt: Ich bin Vegetarier, esse nur Bioqualität, trage Öko-Kleidung, gehe ein- bis zweimal die Woche 40 Minuten in die Arbeit. Und so oft wie möglich fahre ich mit der Bahn. Trotzdem kommt es auch vor, dass ich fliege. Und was ich noch sehr gerne praktiziere, ist Yoga und Meditation. Ich bin seit 2012 Yogalehrer und leite jeden Dienstag eine kleine Gruppe von Menschen durch die „Stunde“.

 

Weitere Informationen:
gugler* brand-digital-print
pro-regenwald.de

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