“Verantwortung ist ein Gemeinschaftsprojekt.”

von Esther Böhmer

Das Schuhdesign ist ihr in die Wiege gelegt worden: Als Tochter des Geschäftsführers der Grazer Schuhfabrik Legero geht Stefanie Lin nun ihren eigenen Weg – mit einer biologisch abbaubaren Kinderschuhkollektion, die bereits mit dem TRIGOS Innovationspreis in der Kategorie Newcomer ausgezeichnet wurde.

Nach Auslandsstudien in Florenz, London und Berlin kehrte die Masterabsolventin in ihre Heimat Graz zurück, um sich der Herstellung von biologisch abbaubaren Schuhen und der Nachhaltigkeit in der Schuhproduktion zu widmen. Bei der Entwicklung ihrer Kinderschuhkollektion steht neben dem Aspekt der Ästhetik vor allem das Umweltbewusstsein im Vordergrund. Wir sprachen mit Stefanie Lin über den Willen, neue Wege zu gehen, überwindbare Hürden und die Ignoranz gegenüber unserer Umwelt.

© VIOS

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Sie gehen mit Ihrer biologisch abbaubaren Kinderschuhkollektion in eine ganz neue Richtung in der Schuhproduktion. Wie kam es dazu?

Stefanie Lin: Alles hat damit angefangen, dass ich in London das erste Mal wirklich aus erster Hand gesehen habe, wie verrückt die Leute nach Einkaufen gehen sind und Ihnen dabei eigentlich ziemlich egal ist, woher die Sachen kommen und wie sie hergestellt werden. Schließlich werden die Sachen dann ein, zwei Mal angezogen und dann weggeworfen. Ich dachte mir, so kann es nicht weitergehen – es kann nicht sein, dass die Leute gar nicht wissen, woher die Wegwerfprodukte kommen, für die sie ihr Geld ausgeben.

Wieso haben Sie sich entschieden, einen Kinderschuh zu produzieren?

Stefanie Lin: Einerseits haben wir in der Firma bereits viel Erfahrung und auch Know-How im Bereich der Kinderschuhe, andererseits wurde uns nach anfänglicher Marktforschung klar, dass einfach mehr Bewusstsein seitens der Eltern da ist, für ihre Kinder diese Produkte zu kaufen. Erwachsene achten nicht so genau auf die verarbeiteten Materialien. Bei Kindern ist es den Eltern wiederum sehr wichtig, zu wissen, ob giftige Chemikalien oder schädliche Stoffe in den Produkten enthalten sind.

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Wie sieht die Produktion Ihrer Schuhe aus?

Stefanie Lin: Zurzeit werden die Schuhe genäht und zusätzlich verklebt, wobei wir daran arbeiten, einen ökologischen Kleber zu entwickeln. Aufgrund der Naht ist der Kleber theoretisch gesehen überflüssig – das Problem hier ist, dass wir den Sicherheitsaspekt im Auge behalten müssen: Beim Spielen kann die Naht reißen und das Kind sich so verletzen. Zurzeit läuft gerade die Testphase, wo wir den Endkonsumenten einladen, mit uns gemeinsam den Schuh zu testen und uns danach Feedback zu geben. So erfahren wir aus erster Hand, welche Materialien geeignet oder weniger geeignet sind.

Wenn man einen so neuartigen Weg geht, gibt es sicher auch viele Hürden zu bewältigen. Mit welchen Problemen waren Sie in der Entwicklung konfrontiert?

Stefanie Lin: Wir hatten öfters das Problem, dass wir Materialien nicht verwendet werden konnten, weil sie für die Bekleidungsindustrie und nicht für die Schuhproduktion geschaffen sind. So hatten wir beispielsweise einen Filz für die Unterseite der Einlagesohle, der unsere gesamten Vorgaben erfüllt hat – er war jedoch zu weich, was bei Kinderschuhen gar nicht geht, da sich der Fuß noch gut entwickeln muss. Auch im Design hatten wir ein paar anfängliche Probleme: Wir wollten weiche, flexible Schuhe, die trotzdem gut für den Fuß sind und dabei durfte zusätzlich so wenig Material wie möglich verarbeitet werden.

Was ist Ihnen in der Produktion wichtig?

Stefanie Lin: Selbstständigkeit und Unabhängigkeit und natürlich die Kontrolle der Materialien – man muss nicht nur darauf achten, wo das Material herkommt, sondern auch, wo es gelagert wird, wie es gelagert wird, ob es bei der Lagerung kontaminiert werden könnte etc. Für uns hört Nachhaltigkeit nicht beim Schuh auf – es geht auch um die Verpackung, die Lagerung und den Transport.

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Woher beziehen Sie Ihre Rohstoffe?

Stefanie Lin: Es ist wichtig, Rohstoffe aus der Umgebung zu beziehen. Bei einer europäischen Produktion wie unserer bedeutet das, dass alle Rohstoffe zu 100% aus Europa stammen. Das Leder kommt beispielsweise aus Österreich, Deutschland oder Kroatien und wird dann in Österreich gegerbt. Die Naturfasern werden in Italien aus einer Mischung aus Leinen und Jute hergestellt. Die Tencel-Faser, die wir verwenden (Anm.: Kooperation mit der Lenzing AG), wird aus europäischen Rohstoffen in Österreich entwickelt.

Wo ist die Grenze bei der nachhaltigen Produktion und wo wird es schwierig, nachhaltige und umweltfreundliche Stoffe zu verwenden?

Stefanie Lin: Sohlen können beispielsweise Erdöl enthalten, wobei man nur schwer nachvollziehen kann, woher dieses Erdöl schlussendlich stammt. Unser Ziel ist es jedoch, vom Erdöl voll und ganz wegzukommen. Auch bei Metallteilen, wie beispielsweise Ösen ist vor allem der Recycling-Anteil schwer nachvollziehbar – hier versuchen wir, andere Lösungswege zu finden und so, mithilfe von neuen oder veränderten Materialien, Techniken und Technologien, unsere Produktion zu optimieren.

Was sind Ihre Ziele für Vios in naher Zukunft?

Stefanie Lin: Unser Ziel war es immer, die besten Schuhe zu machen. Heute wollen wir, dass alles in einem Kreislauf funktioniert. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, die Schuhe nach ihrer Lebensdauer zu sammeln und dann einem Unternehmen wie Saubermacher zu übergeben, wo sie dann recycelt und wiederverwendet werden. In naher Zukunft wollen wir auch Erwachsenenschuhe entwickeln – da stehen wir aber noch am Anfang. Wir wollen das, was wir jetzt bei Vios lernen, langfristig in allen Kollektionen von Legero und in der gesamten Produktion umzusetzen – ein schleichender Übergang sozusagen.

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Welche Maßnahmen setzen Sie persönlich, um umweltbewusst zu leben?

Stefanie Lin: Ich bin ein richtiger Bio-Geek, muss ich sagen. Ich kaufe nur Bio, esse kaum Fleisch und wenn, dann muss auch das vom Bio-Bauern kommen. Ich versuche, so gut es geht, Plastik einzusparen, und gehe daher auch meist am Markt einkaufen. Bei Kleidung und Kosmetikprodukten versuche ich, umweltfreundlich zu kaufen und auch beim Reisen und Ausgehen wähle ich so oft es geht Restaurants und Hotels, die auf Regionalität setzen. Das einzige, wo ich noch nicht vorbildlich bin, ist das Autofahren, aber ich versuche, mich zu bessern.

Warum glauben Sie wird mit der Umwelt und unseren Ressourcen noch immer so unverantwortlich umgegangen?

Stefanie Lin: Ich glaube, es ist oft die Ignoranz und das “Leben in meiner kleinen Welt”: Solange es mir gut geht, ist alles andere nebensächlich oder nicht so wichtig.

Trotzdem ist aber ein gewisser Wandel in der Gesellschaft spürbar.

Stefanie Lin: Auf jeden Fall. Ich sehe das im Unterschied der Generationen beispielsweise von meinen Eltern zu mir und meinen Geschwistern: Wir sind mit der Klimaerwärmung aufgewachsen und haben bereits ein gewisses Bewusstsein entwickelt. Bei jüngeren Generationen wird das noch stärker ausgeprägt sein. Auch bei den Rohstoffproduzenten und Lieferanten sieht man deutlich eine Entwicklung in die positive Richtung: Es kommen immer mehr Materialien und Produkte auf den Markt, die zum Teil oder komplett nachhaltig sind.

Also glauben Sie, dass sich der Trend zu nachhaltiger Produktion weiter fortsetzen wird?

Stefanie Lin: Es gibt gar keine andere Möglichkeit. Es ist wichtig, dass wir von der Wegwerfgesellschaft wegkommen und die Produkte und Ressourcen wieder schätzen lernen und vor allem wiederverwenden und verwerten – auf welche Weise auch immer. Dieser Wandel muss stattfinden, denn so kann es einfach nicht weitergehen.

Stefanie Lin (Mitte) gewann mit ihrer Kinderschuhkollektion den Steirischen TRIGOS Innovationspreis 2015 in der Kategorie “Newcomer” / © Arnold Pöschl

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