“Re-Use braucht eine Lobby”

von Andreas

Reparieren ist aus der Mode gekommen. Moderne Produktionstechnik ist längst nicht mehr auf langlebige Qualität, sondern auf Profit ausgerichtet. Mit den Absatzmengen steigen aber auch die Abfallmengen. Ein Umstand, mit dem sich RepaNet, das Reparaturnetzwerk Österreich, nicht zufrieden geben will.

Seit 2004 setzt sich der Verein RepaNet, das Reparaturnetzwerk Österreich, für eine Forcierung des Wiederverwertungsgedankens ein. Und verfolgt dabei einen Ansatz, der bereits lange vor dem Recyceln beginnt. Repanet ist die österreichische Interessenvertretung für soziale Integrationsunternehmen, Initiativen und Betriebe, die im Bereich der Reparatur von Gebrauchtwaren oder Re-Using tätig sind.

Ziel des Vereins ist es ganz klar, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgegenständen zu verlängern und dadurch die entstehenden Abfallmengen zu reduzieren. Durch die intensive Zusammenarbeit mit lokalen sozialen Einrichtungen sollen zudem Arbeitsplätze geschaffen und die regionalen Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden.

„Re-Use braucht eine Lobby“, steht auf einem Infoblatt des Vereins. Als Mitglied des europäischen REUSE-Dachverbandes ist der Initiative klar, dass man nur etwas bewegen kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Matthias Neitsch, Geschäftsführer von RepaNet im Interview über Schwierigkeiten, Erfolge und Perspektiven aus der Vereinsarbeit.

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Wie viele Arbeitsplätze wurden von RepaNet bisher geschaffen, bzw. wie viele Partner/Mitglieder gibt es derzeit?

Derzeit hat RepaNet 25 Mitgliedsorganisationen – hauptsächlich sozialwirtschaftliche Re-Use-Betriebe – mit ca. 1.000 MitarbeiterInnen in Tätigkeitsfeldern wie Wiederverwendung, Re-Design, Ersatzteilgewinnung, Reparatur, Restaurierung, Second Hand, Alt- und Gebrauchtwarenhandel, manuelle Demontage von Elektro-Altgeräten, Betrieb von Altstoffsammelzentren, Entrümpelung, Wertstoffsammlung sowie Textilsammlung und –verwertung.

Beschränkt sich die Vereinsarbeit hauptsächlich auf Städte?

Nein, wir sind in ganz Österreich tätig, da wir ja in erster Linie als Interessenvertretung und Vernetzungsplattform für unsere Mitglieder fungieren.

Was alles – und vor allem – wie viel wird repariert?

Die Aufbereitung und Reparatur von noch brauchbaren Gegenständen aus Abfällen ist in Österreich erst im Aufbau – repräsentative Erfahrungswerte gibt es noch kaum. Generell kann man sagen, dass die erzielbaren Marktpreise im Gebrauchtwarenbereich Reparaturen nur bei bestimmten Marken-Gütern zulassen, die auch höherpreisig verkauft werden können. Nach ersten realistischen Schätzungen sind circa zehn Prozent der Abfälle aus den Bereichen Elektrogeräte, Sperrmüll sowie Restmüll wiederverwendbar – also für den ursprünglichen Zweck wieder einsetzbar und auch verkaufbar. Im Altpapier-Sektor ist es deutlich weniger, hier geht das nur bei guten Büchern. Bei Alttextilien sind aber bis zu 60 Prozent der entsorgten Kleidung und Schuhe ohne weiteres tragbar.

Gibt es Unterstützung von Seiten der Politik? Immerhin hat die EU in der Abfallrahmenrichtlinie von 2008 vermehrte Reparaturen gefordert.

Ja und zwar nur, weil es uns und unseren Partnern als Interessensvertreter gelungen ist, Re-Use im europäischen und nationalen Abfallrecht zu verankern. Nur wenn wir uns engagieren, bewegt sich auf diesem Sektor überhaupt etwas.

Im Europavergleich: Ist Österreich eher ein Reparaturmuffel oder wird hier viel geflickt? 

Österreich liegt “in der Mitte” bei der Bereitschaft der KonsumentInnen, gebrauchte Produkte zu verwenden oder reparieren zu lassen. Generell ist diese Bereitschaft in Nord-, Ost und Westeuropa größer, in Südeuropa hingegen kleiner. In Österreich ist die Vernetzung zwischen Abfallwirtschaft und Re-Use-Betrieben allerdings viel weiter fortgeschritten als in den meisten anderen Ländern. Gerade beim sozialwirtschaftlichen Gebrauchtwarenhandel haben wir hier ein großteils hohes Professionalisierungsniveau.
In Osteuropa beschränkt sich Second-Hand eher auf private Tausch- und Flohmärkte und den “do it yourself”-Sektor, während der Bereich in Mittel-,  Nord- und Westeuropa auch schon sehr stark professionalisiert ist.

Immer mehr Menschen beschäftigen sich intensiv mit Recycling. Ist die Vereinsarbeit in den letzten Jahren dadurch einfacher geworden?

Unsere Vereinsarbeit richtet sich derzeit in erster Linie an Abfallwirtschaft und -politik, denn die Nachfrage nach gebrauchten Gütern steigt derzeit rasant an. Es bedarf daher keiner Nachfrageförderung, sondern der Öffnung neuer Nachschub-Kanäle zusätzlich zu den klassischen Schienen wie Hausräumungen, Sachspenden und Entrümpelungen durch soziale Unternehmen. Es landet noch immer zu viel zu schnell in der Abfallwirtschaft und wird dort dem Recycling statt der Wiederverwendung zugeführt. Bei Reparaturen lässt die Nachfrage allerdings nach, vor allem weil die Preise neuer Produkte immer mehr sinken und Produkte generell von Jahr zu Jahr immer schwerer zu reparieren sind.

Wo liegen die Hauptgründe dafür, dass lieber weggeworfen statt repariert wird? Kein Fachwissen, oder doch die Bequemlichkeit ?

Hauptgrund ist sicher das fehlende Fachwissen und auch die von den Herstellern geschürte Verunsicherung. Aber auch Billigprodukte, oft nur vermeintliche technische Fortschritte und Modeströmungen spielen da eine Rolle. Und natürlich auch die Bequemlichkeit.

Welche Ziele möchte RepaNet in nächster Zeit erreichen?

Wir arbeiten an der größtmöglichen Ausschöpfung des Potentials in diversen Abfallströmen durch flächendeckende Re-Use-Partnerschaften zwischen Abfallwirtschaft und Sozialwirtschaft und wollen die Bereitschaft stärken, wieder vermehrt selber zu reparieren – durch Reparaturkurse und Reparaturcafés.
Ein weiteres Ziel ist die Steigerung der Nachfrage nach langlebigen Produkten. Dies möchten wir mit der Einführung einer verpflichtenden Produktkennzeichnung mit erwarteter, durchschnittlicher Lebensdauer, Mindestgarantiezeit und Ersatzteilverfügbarkeit erreichen. Außerdem steht auch die Mehrwertsteuerbefreiung für Reparaturdienstleistungen auf unserer Agenda.

 

 

Titelbild © Marcus Quigmire

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