Mut zur Veränderung

von Redaktion

Die österreichische Modeschöpferin Lisa D. lebt in Berlin und betreibt dort neben ihrem eigenen Label zwei Veränderungsateliers, in denen alten Kleidungsstücken neues Leben eingehaucht wird.

Wie kam es zu deinem Projekt „Veränderungsatelier – Bis es mir vom Leibe fällt“?

Lisa D: Neben meinem eigenen Label Lisa D. habe ich auch immer schon künstlerische Performances gemacht. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren stark mit Produktionsbedingungen z.B. bei H&M auseinandergesetzt, hab viele Performances gemacht, Shows.

Für mich wurde das alles aber immer unbefriedigender, ich hatte irgendwann das Gefühl in der Kunst und im performativen Raum kann ich einfach überhaupt nichts bewirken. Man bleibt ja doch immer in diesem Kunstrahmen. Und es kommen immer nur die Leute, die dafür eh schon ein Bewusstsein entwickelt haben, die breite Masse erreicht man nicht.

Dann hast du 2011 das erste Veränderungsatelier in den Hackeschen Höfen in Berlin eröffnet?

Lisa D: Genau. Die Idee dahinter war, dass man eigene, getragene Kleidungsstücke immer wieder verändern kann. Man datet sie immer wieder up. Der spannendste Moment für mich ist der, wenn man beispielsweise ein zehn Jahre altes Kleidungsstück wieder in die jetzige Zeit bringt.

Du hast mittlerweile das zweite Veränderungsatelier in Berlin eröffnet, die Leute stehen Schlange. Gibt es auch eine Kehrseite der Medaille?

Lisa D: Die ganze Do-it-yourself-Bewegung, das Upcyceln – also aus gebrauchten Materialien wieder etwas Neues herzustellen – ist ja eine gute Sache. Im realen Leben kann nur niemand davon leben. Wir haben wahnsinnig viel Andrang, trotzdem schreiben wir noch immer rote Zahlen.

Hast du eine Erklärung dafür, woran das liegen kann?

Lisa D: Die Leute verstehen den Wert einer Sache oft nicht mehr. Weil es alte Kleidungsstücke sind und Alt heutzutage nichts mehr wert ist. Wenn ein Kleid aus meiner Lisa D-Kollektion mehrere hundert Euro kostet wird beim Kauf nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Lisa D. war von 4. Oktober bis 6. Oktober mit ihrer offenen Veränderungswerkstatt auch Teil des Programms beim Steirischen Herbst. Unter dem Motto „Die Dinge in die Hand nehmen“ konnte man mitgebrachte Kleidungsstücke gemeinsam mit dem Veränderungsteam bedrucken, kaltfilzen, nähen, stopfen, bügeln, mit wilden Schnitten versehen oder mit Latex bepinseln. Auch alte Teppiche und elektronische Geräte wurden an unterschiedlichen Stationen upgecycelt bzw. repariert.

Auf Basis deiner jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Thema: Hast du einen Tipp wie es gelingen kann, sein Leben ein bisschen bewusster zu gestalten?

Lisa D: Man sollte mit kleinen Dingen beginnen. Etwa Sachen ins Veränderungsatelier bringen oder selbst loszulegen. Wenn man einmal damit anfängt, wird es zur Sucht. Man sollte mal seinen Kleiderschrank durchschauen und sich fragen: „Was müsste an diesem oder jenem Kleidungsstück geändert werden, damit man es wieder gern anzieht?“ Dann geht man mit den Ideen zu jemandem oder probiert es selbst. Das gleiche gilt auch für Möbel. Wenn man einmal anfängt, dann greift das auf alle Lebensbereiche über. Das wird zum Selbstläufer.

Gut wäre es also, wenn wir den Wert von bereits Gekauftem wieder mehr schätzen würden. Aber ganz allgemein gesprochen – auch aufgrund des ganzen Mülls, der überall auf der Welt immer mehr und mehr wird – würdest du der Aussage „Weniger ist mehr“ zustimmen?

Lisa D: Ja, das sehe ich schon so. Mich graust es schon vor den ganzen Sachen. Die Dinge erschlagen uns ja. Sie machen uns unfrei. Es ist ja auch sehr interessant, wenn man nachdenkt, wie die Dinge dich beherrschen – und nicht umgekehrt. Die ganze Welt, jeder Zentimeter ist schon mit Dingen voll. Da hat man diese Kugel und da ist schon fast alles besetzt. Das muss man sich bitte einmal vorstellen.

Besser billig als bio?

Lisa D: Ja, ich glaub‘ schon, dass viele Leute diese Meinung vertreten. Ich würde sagen fünf Prozent der Bevölkerung legt Wert auf bio, der Rest nicht. Wobei „bio“ in den ganzen Supermärkten sich ja schon per se widerspricht – in meinen Augen. Wenn Sägespäne im Joghurt drinnen sind, ist es ja auch schon bio, weil es aus Holz ist.

Kleider machen Leute?

Lisa D: Ja, denn es geht doch immer um die Selbstgestaltung. Jeder gestaltet sich selbst. Ich glaube, das wird sich nie ändern. An erster Stelle steht die Gestaltung, erst dann kommt öko.

Nachhaltigkeit – abgedroschen oder zeitgemäß?

Lisa D: Der Begriff ist auf jeden Fall abgedroschen, obwohl ich ihn auch verwende. Aber nur weil das Wort oft verwendet wird, bleibt die Idee ja trotzdem eine gute. Das Thema ist absolut wichtig und ich denke, man muss da auf jeden Fall dran bleiben. Die Frage ist nur wie? Manchmal ist man halt einfach ein wenig verzweifelt, weil man nicht weiß wie man als kleines Licht handeln soll.

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