Leben ohne Plastik

von Lisa-Maria Ranacher

Wir EU-BürgerInnen werfen jährlich rund acht Milliarden Plastiktüten weg. Allein in Österreich werden pro Jahr 350 Millionen Kunststoffbeutel verbraucht. Mit der Menge an Kunststoffabfall, die wir seit Anbruch des Plastikzeitalters produziert haben, ließe sich der Erdball bereits sechsmal einwickeln.

Die Steirerin Sandra Krautwaschl hat dem Plastikmüll gemeinsam mit ihrer Familie den Kampf angesagt. Seit rund sechs Jahren leben sie nun schon fast plastikfrei. Im Interview sprach Sandra Krautwaschl mit uns über ihre Erfahrungen und zeigt, dass es im Grunde gar nicht so schwer ist, etwas zu verändern:

 

Stellen Sie sich vor, ich wäre bei Ihnen zu Besuch. Wo würde mir das erste Mal auffallen, dass ich mich in einem plastikfreien Haushalt befinde?

Auf den ersten Blick würde es Ihnen wahrscheinlich gar nicht auffallen. Da wir ein altes Haus haben, ist sowieso vieles aus Holz – da fällt es nicht so auf, dass keine Plastiksachen herumstehen. Am ehesten würde es Ihnen wahrscheinlich im Badezimmer auffallen. Dort finden Sie statt Zahnpasta Pulver im Glas – das ist Birkenzucker. Außerdem verwenden wir Holzzahnbürsten und haben alle Plastikbehälter durch Glas oder Metall ersetzt.

 

Ist es möglich, Kunststoff komplett zu vermeiden?

Möglich wäre es schon, aber das würde einen kompletten Ausstieg aus dem System bedeuten. Das wollten wir nicht! Das Experiment sollte Spaß machen und auch praktikabel sein. Der ursprüngliche Gedanke war ja, nur den Plastikmüll zu vermeiden, also in erster Linie Verpackungen. In weiterer Folge haben wir dann auch geschaut, dass wir das Plastik bei den Gebrauchsgegenständen reduzieren und es dort wegkriegen, wo es überflüssig ist. Den Anstoß dazu hat Werner Bootes Film „Plastic Planet“ gegeben. Ich bin aber der Meinung, dass Kunststoff per se nichts Schlechtes ist und absolut seine Berechtigung hat – zum Beispiel in der Technik oder der Medizin. Wir haben auch nicht das ganze Plastik aus unserem Haus entfernt – Elektrogeräte wie Geschirrspüler oder Handy sind nach wie vor in Verwendung, weil wir gemerkt haben, dass das Projekt ohne diese Dinge einfach nicht praktikabel wäre. Auch langlebige Plastikprodukte wie Wäschekörbe ersetzen wir erst durch plastikfreie, wenn sie ihren Dienst getan haben. Sonst würden wir ja wieder unnötigen Plastikmüll produzieren und das ist nicht in unserem Sinn!

 

Sandra Krautwaschl beim Aussortieren des unnötigen Plastiks © Kein Heim für Plastik

Sandra Krautwaschl beim Aussortieren des unnötigen Plastiks © Kein Heim für Plastik

 

Wie hat Ihr Umfeld auf den Plastikverzicht reagiert?

In erster Linie haben es die Leute in unserem engeren Umfeld interessant gefunden. Wir kennen natürlich viele Leute, die sich selbst mit Umweltschutz oder Ressourcenschonung befassen. Die haben uns bei der Suche nach Alternativen unterstützt. Es war ein sehr spannender und lustvoller Prozess.

Negative Reaktionen habe ich persönlich so gut wie nie erlebt. Grundsätzlich waren alle der Meinung, dass es richtig und notwendig ist, was wir machen – unabhängig davon, ob sie an Umweltschutz interessiert waren oder nicht.

 

Wo kaufen Sie Ihre Alternativprodukte ein?

Wir sind über andere Leute recht schnell zu Alternativprodukten gekommen – vor allem im Hygienebereich – und haben solche Sachen wie Haarshampoo-Seife oder Wascherde entdeckt. Das sind eben Produkte, die in der herkömmlichen Werbelandschaft nicht vorkommen, weshalb viele von uns sie auch nicht kennen. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese Dinge bekannter zu machen.

 

Wo kaufen Sie Ihre Lebensmittel ein?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Dinge, die wir nach wie vor im Supermarkt kaufen – also unverpackte Sachen wie Obst und Gemüse. Und sonst haben wir verschiedene Quellen wie zum Beispiel Bioläden oder unseren eigenen Garten, wo wir selber Gemüse anbauen. Wir haben auch einen Biobauern, der uns beliefert – das ist sehr praktisch. Ungefähr ein halbes Jahr nachdem wir unser Experiment begonnen haben, hat sich beim Einkaufen schon eine gewisse Logistik entwickelt. Das ist keine große Herausforderung mehr.

 

War es ein langer Prozess, bis sich beim Einkaufen diese Routine entwickelt hat?

Am Anfang haben wir uns eineinhalb Monate Zeit für Recherchen genommen. Das war unser Familienprojekt. Dann hat es noch ein gutes halbes Jahr gedauert, bis das automatisch und ohne großen Aufwand funktionierte.

 

Gleichen sich mit dem Verzicht auf andere Produkte die Kosten von teuren Bioeinkäufen wieder aus?

Tatsächlich ist es so, dass wir in Summe Geld sparen. Bei Gegenständen für den täglichen Gebrauch geben wir aber sicher mehr Geld aus. Da wir aber eben viele Dinge nicht mehr kaufen, wie zum Beispiel Küchenrolle oder WC-Steine, kommen wir alles in allem günstiger davon als früher.

 

Wie sind Ihre Kinder anfangs damit umgegangen? Wie gehen Sie heute damit um?

Wir haben die Kinder in jede Entscheidung miteinbezogen. Bei den Spielsachen haben wir ihnen die Entscheidung überlassen, was sie hergeben wollen. Das war alles recht undramatisch.

Mittlerweile sind sie Teenies und junge Erwachsene, die natürlich ihren eigenen Kopf haben. Da kommen sie auch hin und wieder mit Produkten nach Hause, bei denen sie nicht darauf geachtet haben, was drinnen ist. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass sie schon eine Menge mitbekommen haben und auch meistens darauf achten, was sie sich kaufen.

 

Also würden Sie nicht sagen, dass Ihre Kinder aufgrund ihres plastikfeien Lebensstils mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert waren?

Nein, sie haben dadurch eher Vorteile! Ich glaube aber schon, dass Kinder in solchen Situationen zu Außenseitern werden können. Wir sind aber immer selbstbewusst hinter unserem Lebensstil gestanden und das haben auch unsere Kinder mitbekommen. Wie Kinder mit so einer Situation umgehen, hat sehr viel mit der Einstellung der Eltern zu tun.

 

Was bedeutet plastikfreies Leben für Sie?

Für mich bedeutet es in jeglicher Hinsicht eine Bereicherung. Es hat unser Leben verändert und uns neue Möglichkeiten eröffnet – im weitesten Sinn gesellschaftspolitisch und politisch etwas zu bewegen. Wie ich konsumiere, lebe und einkaufe hat sich durch dieses Experiment positiv verändert. Es ist halt ein kleiner Teil, den ein Einzelner tun kann. Ich glaube nicht, dass wir damit die Welt retten, aber ich bin zufrieden damit.

 

Sandra Krautwaschl © Kein Heim für Plastik

Sandra Krautwaschl © Kein Heim für Plastik

 

Gibt es Situationen, in denen der plastikfreie Lebensstil schwierig wird?

Nein! Wenn mir mal der Sinn nach einem Packerl Chips steht, kaufe ich es mir auch. Wir als fünfköpfige Familie haben nur ungefähr einen halben bis einen Sack Plastikmüll im Jahr. Da sind Ausnahmen hin und wieder absolut ok für mich! Ich habe deswegen kein schlechtes Gewissen mehr, das war nur am Anfang so.

 

Was haben Sie durch dieses Experiment gelernt?

Für mich ist es ein unglaublicher Beweis dafür, dass man Dinge verändern kann, obwohl viele Menschen behaupten, das sei nicht möglich. Man kann auch im Kleinen etwas bewegen! Und im Laufe dieses Prozesses muss man auch nicht unbedingt zum Außenseiter werden. Ganz im Gegenteil: Ich habe dadurch zum Beispiel sehr viele soziale Kontakte dazugewonnen.

 

Haben Sie Tipps für Menschen, die umweltbewusster leben möchten, denen ein plastikfreier Lebensstil aber zu radikal ist?

Sie sollten damit beginnen, was ihnen leicht fällt! Also zum Beispiel einfach mal die Plastiksackerln beim Einkaufen weglassen und durch Stoff- oder Papiertaschen ersetzen. Da gibt es auch keine Ausrede dafür, das sei zu „radikal“, denn das sind Kleinigkeiten. Und wenn man gar nichts verändern will, braucht man auch nicht damit anzufangen! Dieser innere Wille muss schon da sein. Man sollte sich einfach nicht entmutigen lassen und hinter dem stehen, was man macht!

 

Sie halten auch Vorträge zu diesem Thema. Haben Sie da schon Resonanzen? Hatten Sie bereits einen positiven Einfluss auf einige TeilnehmerInnen?

Absolut! Natürlich haben manche Schwierigkeiten, aber prinzipiell sind die meisten im für sie umsetzbaren Rahmen erfolgreich. Viele haben mir erzählt, dass sie ihren Müll schon um die Hälfte reduzieren konnten, obwohl sie die Plastikvermeidung nicht so intensiv betreiben wie wir. Das ist meiner Meinung nach ein fantastisches Ergebnis!

 

Können Sie sich noch an Ihr letztes Plastiksackerl erinnern?

Ja, gut sogar. Wir haben gerade erst eines verwendet. Zum 90. Geburtstag meiner Großmutter habe ich einen Salat mitgenommen – dieser war in einer Metalldose und in einem Bio-Plastiksackerl verpackt. Das Sackerl ging leider kaputt, deshalb musste ich dann auf ein herkömmliches Plastiksackerl zurückgreifen. Sie sehen also, diese Ausnahmen gibt es hin und wieder!

 

Weitere Informationen:
Kein Heim für Plastik

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