In der Tonne ist alles gleich

von Andreas

Nicht alles, das weggeworfen wird, ist wirklich Müll. Rund die Hälfte aller Lebensmittel wandert in den Müll – meist noch völlig genießbar. Wastecooking will auf diese Verschwendung aufmerksam machen. Aber ohne erhobenen Zeigerfinger.

Schon seit 2009 macht die Initiative „Restlos genießen“, in der sich Saubermacher mit dem Küchenrollen-Hersteller Plenty und dem Haubenkoch Heinz Reitbauer zusammenschloss, auf diese Problematik aufmerksam. Mit kleinen Rezepten, aufgedruckt auf Küchenrolle, zeigt sie, dass man auch mit den Resten, die man sonst vielleicht weggeworfen würde, noch sehr gute Mahlzeiten zubereiten kann. Bei Wastecooking steht die Freude an gutem Essen ganz oben auf der Liste. Aber auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Lebensmitteln. Gutes Essen in einer Mülltonne, das geht für das Wastecooking-Team rund um David Groß, Tobias Judmaier und Daniel Samer überhaupt nicht. Und so holen sie aus den Tonnen was noch brauchbar ist und kochen daraus auf diversen Veranstaltungen und Festivals  die kreativsten Gerichte. Die Zutaten werden ihnen dabei bestimmt nicht ausgehen. In Wien allein wird täglich so viel Brot weggeworfen, wie ganz Graz essen kann.

Ende März startete auch der eigene Catering-Service „Iss mich!“, der über ein Netz von Partnern aussortierte Nahrungsmittel bezieht, verkocht und – dem Nachhaltigkeitsgedanken folgend – in Einmachgläsern serviert.

Im Interview erzählt uns Tobias Judmaier, der kulinarische Supervisor der Truppe, über das Mülltauchen und worauf man dabei unbedingt aufpassen sollte.

 

Bei wastecooking sammelt, kocht und verteilt ihr Müll. Woher kam die Idee dazu? Und vor allem: Was wollt ihr damit erreichen?

Es ist natürlich kein Müll. Es handelt sich um frische Lebensmittel, die entsorgt wurden. Wir holen das Essbare aus der Tonne zurück ans Tageslicht und kochen damit leckere Gerichte. Jede gute Idee beginnt mit einer starken Selbsterfahrung. Wer einmal in die Tonnen abgetaucht ist, der vergisst das so schnell nicht wieder.

Wie fühlt man sich, wenn man eine Tonne voller genießbarer Lebensmittel findet? Freut man sich über das gute Essen, oder ist man doch verstört weil so viel davon einfach weggeworfen wird?

Die Gefühlslage ist ambivalent, Schock und Freude mischen sich. Schock über die Abgründe der Wegwerfgesellschaft, Freude über die Aussicht auf ein kreatives Kochen und ein reichhaltiges Essen.

Im Jahr werden in Österreich rund 160.000 Tonnen an Nahrungsmitteln weggeworfen. Wie viel davon holt ihr wieder raus?

Wir haben nicht nachgezählt. In unserer ersten Aktionswoche in Salzburg haben wir in 5 Nächten Lebensmittel im Wert von rund 950 Euro aus den Tonnen geholt und damit in etwa 380 Menschen bekocht. Legt man das auf ganz Österreich und Europa um, bekommt man ein Gefühl für das Ausmaß der Verschwendung.

Ihr fordert auf eurer Homepage eine Lebensmittelmüll-Steuer für Erzeuger und Händler. Liegen die Probleme wirklich nur bei den Erzeugern, oder sollte man auch den Konsumenten auf die Finger klopfen, die ja auch beträchtliche Mengen an Essen entsorgen?

Das systematische Wegwerfen von frischen Lebensmitteln sollte verboten werden. In Belgien ist man schon soweit: In Wallonien müssen die Supermärkte ihre überschüssigen Lebensmittel an karitative Einrichtungen weitergeben, sonst müssen sie Strafe zahlen. Das ist aus unserer Sicht das richtige Signal. Natürlich beginnt das Umdenken beim Konsumenten, aber gesetzliche Rahmenbedingungen gehören auch dazu.

Geht ihr persönlich überhaupt noch einkaufen, oder bestimmt die Tonne was bei euch daheim auf’s Teller kommt?

Unterschiedlich. Wir sind ein Team aus rund 6 Leuten. Manche von uns gehen gar nicht mehr einkaufen, andere weniger oft, aber jeder von uns bewusster. Die Tonne bestimmt auf jeden Fall mit. Kreatives Restekochen will gelernt sein und macht Spaß.

Wie reagieren die Leute eigentlich, wenn ihr ihnen erzählt, dass ihr ausschließlich mit Müll kocht? Wird entsetzt der Kopf geschüttelt oder eher gestaunt?

Es gibt eine gewisse Bandbreite an Reaktionen, meistens ernten wir Applaus, sehr selten Ablehnung. Vom Schulkind bis zur Großmutter: Wegwerfen ist scheiße, da sind sich alle einig. Unser Essen schmeckt immer gut und das ist wichtig, wir wollen ja keinen Müll servieren, sondern Schmankerln aus der Tonne.

 

 

Achtet ihr auch beim Containern auf Herkunftsland, Bio-Trademarks und dergleichen? Oder ist in der Tonne alles gleich?

In der Tonne sind alle Lebensmittel gleich. Im Prinzip nehmen wir was kommt. Von Fleisch und Fisch lassen wir die Finger, schon aus Hygiene-Gründen. Tonnen-Nahrung ist meist vegetarisch. Die Devise lautet: Wenn es schon in der Tonne liegt, ist es nicht mehr wichtig, ob Bio oder nicht, es sollte gegessen werden, wenn es noch frisch ist.

Für die Anfänger: Drei Punkte, auf die man beim Containern unbedingt achten sollte? Gibt es Lebensmittel, bei denen besondere Vorsicht geboten ist?

Schnell verderbliche Ware ist Tabu.
Den eigenen Sinnen vertrauen: Riechen und kosten.
Niemals mit Hunger containern gehen, sonst ist es wie beim einkaufen: Man nimmt zuviel mit und wirft am Ende wieder weg.

Wie erkennt man, welcher Müll noch essbar ist? Ist das Abfalldatum dabei hilfreich?

Auf das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verlass, auf unsere Sinnesorgane schon. Ein paar mal geübt und man kann frische von verdorbenen Lebensmitteln im Schlaf auseinander halten. Wer braucht schon das Ablaufdatum, wenn er alle Sinne beisammen hat.

Wie grau ist die gesetzliche Grauzone beim Dumpstern wirklich? Müll ist ja eigentlich „herrenlos“ – viele Supermärkte sperren ihren Müll aber ab. Gab es da schon mal Konflikte?

Diese Frage bleibt nie aus und wird sie sich nie vollends beantworten lassen. Auch die Grauzone ist eine Frage der Definition. Es gibt unterschiedliche Auslegungen, von Rechtsexperten und auch in der Dumpster-Community. Wir hatten noch keine gröberen Probleme, wir stehen hinter dem, was wir tun. Wir brechen nirgendwo ein, wir „retten“ Lebensmittel, ob legal oder auch nicht.

Aus eurem Erfahrungsschatz heraus: die beste Uhrzeit zum Containern?

Wenn die Geschäfte geschlossen sind.

Das kurioseste, das ihr jemals im Müll gefunden habt?

Kaffeemaschine, Rasiermesser, Kondome, Spielzeug, Kleidung …

Ihr habt in Salzburg angefangen, wollt mit wastecooking aber in die ganze Welt hinaus. Wo gibt’s den für euch am meisten zu holen? Wo wird am meisten weggeworfen?

Ob in Mitteleuropa, in Nordamerika, oder in den Wohlstandszonen der ganzen Welt: Überall wird weggeworfen, auch in den Reichen-Ghettos der „dritten Welt“. In Österreich mag es kleine, regionale Unterschiede geben, das ist aber nicht unser Thema. Ein globales Problem muss man global sehen und lokal operieren, so könnte das Motto lauten.

Viele, die gerne mal Mülltauchen gehen würden, fehlt es einfach an Überwindungskraft. Können sie sich an euch wenden, macht ihr auch Anfängerkurse?

Probieren geht über studieren. Stirnlampe und Handschuhe einpacken, einen guten Freund anrufen, gemeinsam zum Lieblings-Supermarkt gehen und einfach in die kalte Tonne springen!

 

Weitere Informationen
Wastecooking
Wastecooking auf Facebook
Iss mich!

Meinungen

Ihre Meinung